Erfolgreiche Strategien für Flächennutzung und gesellschaftlichen Zusammenhalt auf dem Zukunftsforum Ländliche Entwicklung 2026

von Louis Schlag

Den Startschuss des Zukunftsforum Ländliche Entwicklung setzte Landwirtschaftsminister Alois Rainer mit einer Anekdote zur Flurbereinigung. Als ehemaliger Bürgermeister der Gemeinde Haibach in Niederbayern erzählte er von den Bächen, die sein Vater als Bürgermeister einst begradigen ließ, nur um später von seinem Sohn renaturiert zu werden. Damit machte er die vielfältigen Raum- und Nutzungsfragen ländlicher Regionen, die seit Jahrzehnten bestehen deutlich und öffnete den Raum zum Leitthema „Land: Raum für Zukunft“. Der inhaltliche Fokus des Forums lag darauf, wie Flächen und Gebäude in ländlichen Regionen klug genutzt, konkurrierende Ansprüche ausgeglichen und neue Begegnungs- und Kommunikationsräume geschaffen werden können. Gemeinsam mit Partnern aus Verbänden, Forschung und Praxis hat die AHA zwei Fachforen mitgestaltet.

Udo Hemmerling (Bundesverband der gemeinnützigen Landgesellschaften) mit seinen Thesen zur multifunktionalen Flächennutzung
Udo Hemmerling (Bundesverband der gemeinnützigen Landgesellschaften) mit seinen Thesen zur multifunktionalen Flächennutzung

Landnutzungskonflikte durch Mehrfachnutzung lösen

Im ersten Fachforum ging es um die Frage, welche Rolle multifunktionale Flächennutzungen für die ländlichen Räume in Zukunft spielen, wie Menschen und Kommunen vor Ort beteiligt werden und neue Lösungen gefunden werden können. Den Auftakt machte Dipl. Ing. Andreas Tietz vom Thünen-Institut für Lebensverhältnisse in ländlichen Räumen mit einer aktuellen Prognose zur Flächennutzungsentwicklung in Deutschland. Er machte deutlich:

  • Die Flächennutzung in Deutschland verändert sich seit Jahren strukturell: Die landwirtschaftlich genutzte Fläche geht kontinuierlich zurück, während Siedlungs- und Verkehrsflächen sowie Flächen für Natur-, Klima- und Gewässerschutz zunehmen
  • Flächenansprüche, bspw. durch den Ausbau der erneuerbaren Energien, insbesondere durch Freiflächen-PV, Windenergie und begleitende Infrastrukturen wie Netze und Speicher, nehmen perspektivisch weiter zu
  • Ein zentrales Problem: Die bestehende Flächennutzungsstatistik: Sie bildet überwiegend monofunktionale Hauptnutzungen ab und kann multifunktionale Nutzungen – etwa die Kombination von Landwirtschaft, Klimaschutz und Energieerzeugung – kaum erfassen. Synergien bleiben dadurch statistisch unsichtbar, ebenso wie Zielkonflikte. Für Politik, Planung und Bodenmarktsteuerung fehlen damit belastbare Datengrundlagen, um multifunktionale Flächennutzung systematisch zu bewerten oder zu fördern
  • Die Vielzahl an Flächenansprüchen wirkt nicht alternativ, sondern kumulativ, Nutzungskonkurrenzen verschärfen sich weiter.
Dipl. Ing. Andreas Tietz vom Thünen-Institut für Lebensverhältnisse in ländlichen Räumen
Dipl. Ing. Andreas Tietz vom Thünen-Institut für Lebensverhältnisse in ländlichen Räumen

Hieran anknüpfend stieß Udo Hemmerling (Bundesverband der gemeinnützigen Landgesellschaften) mit seinen Thesen zur multifunktionalen Flächennutzung in ein ähnliches Horn. Er bekräftigte insbesondere ein flexibleres und aktiveres Flächenmanagement, die Stärkung kreislaufwirtschaftlicher Ansätze, eine Entlohnung von Nachhaltigkeitsleistungen in der Fläche sowie das Mantra mehr Handeln statt Reden.

Udo Hemmerling (Bundesverband der gemeinnützigen Landgesellschaften) mit seinen Thesen zur multifunktionalen Flächennutzung
Udo Hemmerling (Bundesverband der gemeinnützigen Landgesellschaften) mit seinen Thesen zur multifunktionalen Flächennutzung

In der anschließenden Diskussion brachten u. a. Frank Berghorn (Dezernent für Wirtschaft und Umwelt, Landkreis Cuxhaven), Claudia Wust (Bürgermeisterin, Gemeinde Neuhof an der Zenn), Matthias Nicolai (Flächensparmanager, Reg.-Bez. Oberfranken) und Dr. Karsten Padeken (Landwirt, Vorsitzender Kreislandvolkverband Wesermarsch e.V.) praxisnahe Perspektiven ein. Dabei wurde deutlich: Ausgleichsflächen und deren ökologische Nutzung müssen fair vergütet werden, um regionale Entwicklungsnachteile auszugleichen. Kommunale und Bürgerbeteiligung wurden außerdem als Schlüssel für die Akzeptanz regionaler Ansätze und Flächenprojekte identifiziert. Übergreifend bedarf es zudem Flächeneinsparstrategien, die sektorübergreifend abgestimmt und in eine Gesamtstrategie mit Fokus auf Mehrfachnutzung überführt werden müssen.

Diskussion FF 1 von u. a. Frank Berghorn (Dezernent für Wirtschaft und Umwelt, Landkreis Cuxhaven), Claudia Wust (Bürgermeisterin, Gemeinde Neuhof an der Zenn), Matthias Nicolai (Flächensparmanager, Reg.-Bez. Oberfranken) und Dr. Karsten Padeken (Landwirt, Vorsitzender Kreislandvolkverband Wesermarsch e.V.)
Diskussion FF 1 von u. a. Frank Berghorn (Dezernent für Wirtschaft und Umwelt, Landkreis Cuxhaven), Claudia Wust (Bürgermeisterin, Gemeinde Neuhof an der Zenn), Matthias Nicolai (Flächensparmanager, Reg.-Bez. Oberfranken) und Dr. Karsten Padeken (Landwirt, Vorsitzender Kreislandvolkverband Wesermarsch e.V.)

Kommunikationsräume für Zusammenhalt

In den vergangenen Monaten und Jahren wächst bei vielen Menschen die Sorge um den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland. Gleichzeitig ziehen sich bedingt durch vielfältige Krisen viele in die eigenen Blasen zurück und suchen weniger Austausch mit Menschen mit anderen politischen Einstellungen, Berufen oder Religionen. Begleitet wird dieses Paradox von verschiedenen Trends: So schwinden vielerorts mit Dorfkneipen, Vereinen und Kirchen Orte der Begegnung, die hier ein Gegengewicht bilden und Austausch ermöglichen.

Wie geht man mit diesen Entwicklungen um? Und wie lassen sich auf dem Land erfolgreich neue Kommunikationsräume schaffen und erhalten, in denen Menschen abseits der eigenen Bubble aufeinandertreffen? Diesen Fragen haben wir uns in Fachforum 27 mit verschiedenen Impulsen aus Praxis und Forschung gewidmet.

Soziologin Prof. Dr. Claudia Neu von der Universität Göttingen zeichnete auf der gesellschaftlichen Ebene zunächst die Relevanz kommunikativer Räume für Zusammenhalt und Demokratie nach. Am Falle des Philosophencafés aus Japan machte sie zudem deutlich, dass es neben aktiven Akteuren eine offene Atmosphäre, klare Kommunikationsregeln, Zeit und Ressourcen braucht, um mittelfristig erfolgreich zu sein.

Fachforum 27: Kommunikationsräume für Zusammenhalt
Fachforum 27: Kommunikationsräume für Zusammenhalt

Michael Hallmann vom Beteiligungsprojekt MITMACHHERWIGSDORF zeigte, wie Kinder- und Jugendarbeit Akteure aus Verwaltung und Zivilgesellschaft zusammenbringen kann, um tragfähige und nachhaltige Netzwerke zu knüpfen. Die mobile Wanderkneipe von Dorfgestalten e.V., die mit einem mobilen Bauwagen und Bierbänken zu den Menschen nach Hause kommt, verdeutlicht, wie auch mobile Räume mit Fokus auf die Menschen vor Ort, ein wichtiger Baustein sein können. Karoline Klose vom Wohnprojekt Hitzacker Dorf eG erklärte zudem die Bedeutung neuer Wohnformen als Dritte Orte, in denen Neues entsteht und Menschen zusammengebracht werden. Dr. Swantje Eigner-Thiel von der Dorfmoderation Südniedersachsen machte abschließend sichtbar, wie wichtig auch Moderator:innen als Brückenbauer:innen, Streitschlichter:innen und Impulsgeber:innen sind, um neue Strukturen und Projekte anzuregen und Dorfentwicklung voranzutreiben.

Diskussion FF 1 von u. a. Frank Berghorn (Dezernent für Wirtschaft und Umwelt, Landkreis Cuxhaven), Claudia Wust (Bürgermeisterin, Gemeinde Neuhof an der Zenn), Matthias Nicolai (Flächensparmanager, Reg.-Bez. Oberfranken) und Dr. Karsten Padeken (Landwirt, Vorsitzender Kreislandvolkverband Wesermarsch e.V.)
Diskussion FF 1 von u. a. Frank Berghorn (Dezernent für Wirtschaft und Umwelt, Landkreis Cuxhaven), Claudia Wust (Bürgermeisterin, Gemeinde Neuhof an der Zenn), Matthias Nicolai (Flächensparmanager, Reg.-Bez. Oberfranken) und Dr. Karsten Padeken (Landwirt, Vorsitzender Kreislandvolkverband Wesermarsch e.V.)

Die Impulse und Abschlussstatements zeigten:

  • Es braucht eine auskömmliche Finanzausstattung für Kommunen und Daseinsvorsorge als Andockpunkte für Kommunikationsräume und -strukturen
  • Förderstrukturen sollten von Projekt- auf Prozesslogik umgestellt werden
  • Für den Aufbau und die Begleitung von Kommunikationsprozessen braucht es Mittel und Personal: Hauptamt stärkt Ehrenamt

Partner und Rahmen

Fachforum 1 war eine gemeinsame Veranstaltung von der Andreas Hermes Akademie (AHA) Agrarsoziale Gesellschaft e.V. (ASG), Bundesverband der gemeinnützigen Landgesellschaften (BLG), Deutscher Bauernverband e.V. (DBV), Deutscher Landkreistag e.V. (DLT), Deutscher Städte- und Gemeindebund (DStGB), Deutscher Raiffeisenverband e.V. (DRV), Landwirtschaftliche Rentenbank, Verband der Landwirtschaftskammern e.V. (VLK), dem Thünen-Institut für Lebensverhältnisse in ländlichen Räumen und dem Zentralverband des deutschen Handwerks (ZDH). Fachforum 27 wurde gemeinsam mit der ArgeLandentwicklung und der Deutschen Landeskulturgesellschaft (DLKG) gestaltet.

Fazit

Die beiden Fachveranstaltungen im Rahmen verdeutlichen: Zukunftsfähige ländliche Entwicklung gelingt, wenn Flächenkonflikte partizipativ gelöst, Mehrfachnutzung strategisch gedacht und verlässliche Kommunikationsräume langfristig finanziert und professionell begleitet werden. So wird „Land: Raum für Zukunft“ konkret – vor Ort, mit den Menschen und für starke Regionen.

Der Autor

Louis Schlag

Referent Entwicklung Ländlicher Räume

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