Ansichtssache Komplexität: Kompliziert oder vielfältig? Hier ein paar Antworten

von Marika Puskeppeleit

Wir haben uns in diesem Jahr für unsere Tagung zum Thema „Zukunft der Verbände“ ein wirklich spannendes Thema vorgenommen: Komplexität! Jeden betrifft sie, aber jeder blickt unterschiedlich auf dieses Thema.

Reaktionen auf Komplexität sind sehr verschieden

Die einen rufen „Chaos!“ und verfallen in eine Schockstarre, die handlungsunfähig macht. Ihr Plan ist es, keinen Plan zu machen.
Die anderen fragen „wo?“ und stellen sich komplizierten Analysen, die sehr viel Zeit in Anspruch nehmen. In der Zwischenzeit naht bereits die nächste Herausforderung. Ihr Plan ist ein gründlicher Plan. Ohne Ausstiegs- oder Änderungsoptionen.
Wieder andere sagen „wir machen alles weiter wie bisher“ und übersehen dabei möglicherweise Veränderungen und damit Herausforderungen, die sie vielleicht besser hätten sehen sollen. Ihr neuer Plan ist der alte Plan.
Und schließlich die, die sagen „je komplexer, umso mehr Optionen“. Ihr Plan ist das Spiel mit den Möglichkeiten.

Aus 1:1 wird 1: unendlich

Auch Verbände kennen das Thema Komplexität: Der Alltag nimmt deutlich an Fahrt zu, Arbeitsprozesse werden immer kleinteiliger und vielschichtiger, das mediale Angebot explodiert, die gesellschaftlichen Veränderungen und politischen Rahmenbedingungen multiplizieren sich.
Und all diese Erscheinungen werden gleichermaßen ausgelöst, wie auch befeuert vom digitalen Wandel.
Einer der größten positiven Effekte des digitalen Wandels ist dabei auch gleichzeitig der Ursprung von mehr Komplexität. Genauer formuliert macht er freier von Silos und Zuständigkeiten und freier von Raum und Zeit, aber gleichzeitig multipliziert sich Vernetzung und damit Komplexität. Versucht man dafür eine Formel zu finden könnte diese lauten: Aus 1:1 wird 1: unendlich. Und das macht es komplex, kompliziert, oder eben vielfältig – je nach Blick.

Wir haben uns gefragt, wer kann Antworten auf unsere Fragen geben, wer kann Komplexität erklären, alte Routinen von Vorgehensweisen hinterfragen und uns mit auf die Reise der Transformation von 1:1 hin zu 1: unendlich nehmen. Wer kann dem großen und sperrigen Wort Komplexität ein wenig mehr Leichtigkeit geben. Wir haben uns für zwei Impulse entschieden.

Die alte Welt wollte Komplexität immer reduzieren, die neue erschließt sie

Zunächst Wolf Lotter. Leitartikler und Mitbegründer der Brand eins und seit vielen Jahren vertieft in das Thema Komplexität. Sein Motto: „Die alte Welt wollte Komplexität immer reduzieren, die neue erschließt sie“. Hierzu plädiert er für deutlich mehr Kontext- statt Contentorientierung. Zusammenhänge zu verstehen sei wichtiger denn je. Hierzu bedarf es einer sog. „Atomisierung der Inhalte, ohne das erneute Zusammenfügen nicht zu vergessen.“ Zusammenhänge zu erkennen schaffe Überblick und ermögliche Seitenblicke. Das ginge kaum in den derzeitigen Strukturen. Er sagt: „Wir haben Silos gebaut und die Fenster und Türen vergessen.“

Schlussendlich rief er auf, der komplexen Welt mit Mut, einer guten Portion Flexibilität und Improvisationsbereitschaft zu begegnen. Er formuliert: „Weil niemand das ganze System begreifen kann, müssen Menschen zukünftig in der Lage sein zu improvisieren.“ Und das, so fährt Lotter fort „gelänge kaum im heutigen Spezialisten Dasein.“

Kooperation statt Konkurrenz

Petra Wähning, Soziologin, Kommunikations- und Marketingexpertin führte die Teilnehmer mit der Methode Effectuation in einen möglichen Lösungsraum von Komplexität. Diese Methode steht für wirksames Handeln in einer zunehmend komplexeren Welt. Wirksam ist für Petra Wähning gleichbedeutend mit gemeinsam. Die Methode steht für die These, das sich mit jedem neuen Partner die Möglichkeiten zum Handeln erweitern und meint damit Kooperation statt Konkurrenz. Diese Haltung gegenüber Komplexität ermögliche es, die Zukunft aktiv zu gestalten.
Effectuation löst in komplexen Zeiten demnach die Planbarkeit auf der Basis kausaler Zusammenhänge zunehmend ab. Vage Ideen werden so zu Lösungen für ein Problem, eine starre zielorientierte zu einer ressourenorientierten Vorgehensweise: Was steht mir zu Verfügung um das Machbare anzugehen und zu leisten? lautet die Frage die es zu beantworten gilt. Dem Faktor Zufall – oder Überraschung – sollte man dabei aufgeschlossen begegnen anstatt ihn als Störfaktor zur Seite zu legen.

Vernetzung und Dialog machen Sinn

Bei Impulsen blieb es nicht auf der nunmehr dritten Tagung zum Thema „Zukunft der Verbände“. Wir haben das Thema Komplexität auseinander genommen und am Nachmittag folgende fünf Diskussionsräume eröffnet:

1. Planungssicherheit oder navigieren auf Sicht: Vom Mut loszulassen. Dieses
Thema eröffnete den Raum dafür, alte Planungsroutinen zu überdenken um zu schauen, wo mehr Flexibilität die Antwort auf Herausforderungen sein kann.

2. Alles wie immer? Das Zauberwort Purpose. Als kraftvoller Sinngeber einer Organisation und Antwort auf die Frage: „Macht das (noch) Sinn, was wir tun?

3. Wirkungsverstärker Kooperation. Mit neuen Partner mehr erreichen, beschäftigte sich mit der These: „Aus Konkurrenz belebt das Geschäft wird Kooperation belebt das Geschäft“ und stellt dabei die „alte“ Wirkungsmacht und Exklusivität von Verbänden ein Stückweit in Frage.

4. Führung: Innovationsräume schaffen und Motivation wecken, als Gedankenanstoß für ein neues Leadership-Mindset. Die klassische Führungspyramide gerät ins Wanken. Die Führung steht nicht mehr an der Spitze, sondern stellt das Fundament. Führungskräfte werden zu Möglichmachern für das Team. Das bedeutet im Alltag ein sehr viel mehr an Augenhöhe, Eigenverantwortung und Selbstorganisation.

5. Alles unter Kontrolle? Erfolgsindikatoren auf dem Prüfstand, hinterfragte alte Muster der Erfolgskontrolle. Die Frage dahinter lautete: Tun wir das Richtige und Tun wir das Richtige gut – für die Mitglieder und für den Verband?

Was jeder mitnehmen konnte sind spannende Impulse für die eigene Arbeit und großartige Diskussionen mit vielen unterschiedlichen Verbänden. Es hat sich wieder einmal bestätigt, das Vernetzung und Dialog Sinn macht – auch und gerade, weil die anwesenden Verbände sehr divers in ihren Branchen waren. Was sie gemeinsam hatten? Eine Verbandsstruktur, die sie in eine gute Zukunft bringen wollen.

Alles Gute und bis im nächsten Jahr!

Die Autorin

Marika Puskeppeleit

Geschäftsleiterin 


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