Das Beste gehört aufs Land! Dezentrale Hochschulstandorte als Impulsgeber in den ländlichen Räumen

von Marika Puskeppeleit

Wie kommt das Neue und das Impuls gebende in die ländlichen Räume? Eine alte Frage sucht nach neuen Antworten und vielversprechende Wege werden gerne unter dem Begriff „Innovationsimpulse“ zusammengefasst. Hochschul- und Wissensstandorte in der Fläche können dabei eine zentrale Rolle als einnehmen! Diesen Gedanken haben wir aufgegriffen und begonnen, näher hinzuschauen. Die erste Station einer öffentlichen Diskussionsreise war am 29. Juni die Landesvertretung Mecklenburg-Vorpommern in Berlin. 7 Diskutantinnen und Diskutanten aus Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern griffen unter der Moderation von Marika Puskeppeleit dieses Thema auf.
Alle Teilnehmer im „Nachgespräch“
Alle Teilnehmer im „Nachgespräch“ (Foto: Maike Rudnick, Landtag Mecklenburg-Vorpommern)

Ein kurzer Blick in die Historie

Wir kennen und wissen um die Relevanz hochdotierter Förderprogramme für strukturschwache ländliche Regionen. Diese sind oftmals bereits seit sehr vielen Jahren bis Jahrzehnten Fördergebiete. Unternehmensinvestitionen zur Stabilisierung der Arbeitsplatzangebote und vor allem auch der Ausbau der Infrastruktur stellten die Schwerpunkte. Diese Art der Förderung hat nachweislich an vielen Stellen Wirkung erzielt: So sanken beispielsweise Arbeitslosenquoten und gleichzeitig stieg der Bedarf an Fachkräften an. Es scheint, als ob die bisherige Ausrichtung der Förderpolitik nicht mehr geeignet ist. Vielmehr wird eine Reform angestrebt, die eine individuelle Förderung, passgenau zu den individuellen Herausforderungen, ermöglicht. Abgebildet wird dieser Wandel unter anderem in der Neuausrichtung der Bund-Länder-Gemeinschaftsaufgabe „Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur“ (GRW). Eine der Neuausrichtungen spricht von „Innovationsförderung“ als Wachstumsimpuls und setzt dabei vor allem auch auf enge Verzahnungen der Regionen mit Forschungseinrichtungen.

Bayern als Vorreiter

Blicken wir auf das Bundesland Bayern. 2014 hat Bayern ein neues Kapitel der Strukturpolitik aufgeschlagen und versucht seitdem unter dem Titel „Heimatstrategie – Starke Zukunft für Stadt und Land“ kräftige Impulse für die Regionen, die vom demografischen Wandel besonders betroffen sind, zu setzen. Eine der 5 tragenden und Orientierung gebenden Säulen setzt auf eine verstärkte Regionalisierung der Wissenschaftspolitik als zentrales Element der Strukturpolitik und meint damit die Dezentralisierung von Hochschul- und Forschungsstandorten in Bayern. Mit wahrnehmbaren Erfolg: Stabilisierung und Ausbau der Infrastrukturen, Verjüngung und Wachstum der Bevölkerung durch Zuzug junger Menschen und Prosperität auch über die Wissenschaftsstandorte herum sind der Erfolg dieser wissenschaftsgestützten Regionalisierungspolitik.

Die Bundesregierung zieht nach

Genau dieser Ansatz wurde 2018 mit der Konstituierung der Kommission gleichwertiger Lebensverhältnisse prominenter und als Vorlage für eine Diskussion auf Bundesebene mit genutzt.

Im Ergebnispapier der Kommission der Kommission wird folgendermaßen darauf eingegangen: „Wir müssen die Hochschul- und Wissenschaftspolitik zukünftig noch stärker als Strukturpolitik verstehen und entsprechend umsetzen. Die Länder sollten gemeinsam mit ihren (Fach-)Hochschulen prüfen, inwieweit einzelne Standorte in der Fläche auf- und ausgebaut werden könnten.“

Und auch im hieraus entwickelten Maßnahmenplan der Bundesregierung zur Umsetzung heißt es: Im Wege der Selbstverpflichtung wird der Bund Neuansiedlungen und Ausgründungen von Behörden und Ressortforschungseinrichtungen bevorzugt in strukturschwachen bzw. vom Strukturwandel betroffenen Regionen vornehmen – und dort vorrangig in Klein-und Mittelstädten. Auch Unternehmen, Hochschulen, außeruniversitäre Forschungseinrichtungen und Verbände sollten – unter Wahrung der Länderzuständigkeiten – durch aktive Strukturpolitik unterstützt werden, sich dezentral im ländlichen Raum anzusiedeln.

Aber: Eine Taube macht noch keinen Sommer – oder anders formuliert: Eine niedergeschriebene Empfehlung macht noch keinen Plan für eine konkrete Umsetzung und damit Nutzbarmachung von dezentralen Wissenseinrichtungen für die ländliche Entwicklung.

Ein weiterer Gedanke, der die Diskussion um die Bedeutung der Aufgaben (dezentraler) Hochschulstandorte unterstützt kommt aus dem Gegenwind der Exzellenzinitiative zur Förderung von Grundlagen- und Spitzenforschung. Uwe Schneidewind, Ex-Präsident der Universität Oldenburg äußerte in einem ZEIT-Interview: Bei der Exzellenzinitiative galt: Nur wer sich in der Forschung bereits auf hohem Niveau bewegte, hatte eine Chance, sich für den Olymp der deutschen Wissenschaft zu qualifizieren”, er fordert, dass auch andere Schwerpunkte als Forschung gefördert werden. Ausgezeichnete Lehre zum Beispiel, oder die Zusammenarbeit mit der lokalen Wirtschaft“

Und genau da fängt es an, interessant zu werden. Die Frage nach dem WARUM leucht ein, das WIE für Impulse erhält konkrete Konturen.  Zusammengefasst unter dem Begriff Technologietransfer arbeiten Hochschulen an dem so wichtigen Praxisbezug für die Region – in diesem Fall für die regionale Wirtschaft. Förderprogramme unterstützen diesen Transfer und Hochschulen wie auch die Wirtschaft profitieren. Im allerbesten Fall sind die Angebote der Hochschulen mit den Bedarfen der Unternehmen synchronisiert. Für die Absolventen entstehen Möglichkeiten von Praktika über Festanstellung und berufliche Weiterbildung. „Es passt“ und hieraus kann eine neue impulsgebende Situation entstehen.

Dr. Heike Müller, Vizepräsidentin des Bauernverbands Mecklenburg-Vorpommern zur lokalen Situation in Mecklenburg-Vorpommern: „Je kleiner das Bundesland umso enger sind verständlicherweise die Netzwerke beieinander. Man kennt und sieht sich. Das ist ein Wert, der nicht zu unterschätzen ist. Gerade die Agrarbranche partizipiert enorm von der Neubrandenburger Hochschule: Von Praxisforschung mit Betrieben, Werkstudenten, bis hin zu Praktika und dualen Studiengängen mit anschließenden Festanstellungen nach dem Studium. Natürlich ist das kein Selbstläufer, aber die langjährige extrem gute Zusammenarbeit hat einen fruchtbaren Boden hinterlassen.“

Aber die Möglichkeiten der Impulse können noch weiterreichen. Dort wo massive Herausforderungen des Strukturwandels anstehen kann eine regional verankerte Hochschule einen wichtigen Part weit über den Technologietransfer hinaus übernehmen. Wer wenn nicht Hochschulen sind konkrete Anzeiger und Forschungspartner für den Wandel ganzen Branchen wie sie an vielen Stellen derzeit z.B. die Automobilindustrie im Zuge der E-Mobilität durchläuft, oder auch als Treiber für neue Wege der Energiegewinnung. Soweit die Theorie, die an vielen Stellen sehr gut, an anderen Orten noch unterdurchschnittlich gelebt wird.

Dr. Dirk Lüerßen, Geschäftsführer der Wachstumsregion Emsachse hierzu: „Die Herausforderungen der ländlichen Räume –  von großen Strukturwandelszenarien bis hin zur Ausbildung im Bereich der dringend benötigten hochqualifizierten Mitarbeiter – gelingen nur durch das Mitwirken der Hochschulen. Eine Synchronisation der Studienangebote mit den wandelnden Bedarfen der regionalen Wirtschaft ist eine Herausforderung, die aber den Nutzen für die Region enorm steigert. Auch in Richtung Fachkräftemangel.  Was proaktives Handeln seitens der unternehmerischen Wirtschaft angeht, also die Möglichkeiten des Technologietransfers mit in ihre Innovationszyklen einzubeziehen, so wird dieses Potenzial noch nicht vollständig abgerufen. Die Gründe sind vielfältig und reichen von Berührungshemmnissen, zu kleinen unternehmerischen Einheiten um die Ressourcen zur Verfügung stellen zu können, bis hin zur schlichten Unkenntnis der Möglichkeiten. Ein Garant einer intensiveren Nähe und Verzahnung sind zum einen duale Studiengänge. Diese leben von ihrer Grundausrichtung her ja bereits das Zusammenspiel Hochschule-Wirtschaft sowie der gelebte konkrete Austausch um Nähe, Vertrauen herzustellen und Potenziale der Zusammenarbeit zu heben. Diese Brücken zu bauen ist auch ein Teil unserer Mission“

Wie aber können die Potentiale regionaler Hochschulstandorte noch besser genutzt werden? Wie funktioniert nachhaltiger Transfer und was braucht es dafür? Ein wichtiger Faktor ist sicherlich, Wissenschaft und Transfer als Mission zu verstehen und zu leben. Bedeutet: Wissenschaft in jeder Hinsicht als relevante Standortfaktoren zu erkennen und zu nutzen. Weiterhin eine stabile, vertrauensvolle und verlässliche Vernetzung untereinander – und dies aus mehreren Perspektiven heraus. Zum einen geht es um eine ganzheitliche und authentische Zusammensetzung dieses Netzwerkes. So unterschiedlich die ländlichen Räume vom Grundsatz her sind, so verschieden müssen auch die Herangehensweisen sein. Die Zusammensetzung des Netzwerkes als authentisches Abbild der Region ist somit ein erster wichtiger Schritt in Richtung Erfolg für die Region.

Patrik Dahlemann, Staatssekretär für Vorpommern bestätigt diesen Gedanken folgendermaßen: „Besondere Herausforderungen benötigen konzertierte Herangehensweisen. Zum einen nehmen wir als Landesregierung jede Kraftanstrengung auf uns, um Standorte der Forschung von Helmholtz bis Fraunhofer möglich zu machen, weil wir um deren nachhaltige Wirkung für die Region wissen. Im Weiteren schließt unser konstituierte Vorpommernrat ganz selbstverständlich neben Wirtschaft, Kommunen, Kultur auch unsere Hochschulen mit ein. Wissenschaft hat für uns einen enorm wichtigen Stellenwert und diese Nähe, an einem Tisch, in einem Netzwerk, ist enorm wichtig für den Erfolg einer effizienten und authentischen Zusammenarbeit. Wir entwickeln so gemeinsam eine Zukunftsstrategie für Vorpommern. Es ist uns dabei ein besonderes Anliegen, das auch unsere Wissenschaftsstruktur weiter gestärkt wird. Ein wichtiger Schritt sind bereits implementierte Innovationszentren, die den Wissenstransfer in die Region, in Richtung Wissenschaft und Gesellschaft moderieren und Brücken bauen.“

Mission trifft auf Verbindlichkeit

Verbindlichkeit auf Seiten der Hochschulen ist ein weiterer wesentlicher Garant. Bestenfalls unter dem Begriff „Dritte Mission“ in Hochschulentwicklungsplänen und Transferstrategien festgeschrieben. Hier manifestiert sich der Wille und der Stellenwert des Transfers für die Hochschule. Unsere Diskutanten aus Niedersachsen – Prof. Born, Uni Vechta und Prof. Teschke, Hochschule Neubrandenburg, bestätigen diesen Aspekt. Beispielhaft seien niedergeschriebene Ansprüche wie „Wir verstehen uns nicht als Hochschule in der Region, sondern für die Region, um Innovationen in Wirtschaft und Gesellschaft nachhaltig zu befördern“, oder „Unser Ziel ist nicht die Schaffung der besten Wissenschaft in der Welt, sondern der besten Wissenschaft für die Welt“ – eben vor allem für die Region.

Beim Blick auf den Faktor Nachhaltigkeit betont Prof. Gerd Teschke, Rektor der Hochschule Neubrandenburg: „Impulse aus und in die Wirtschaft im Rahmen des klassischen Technologietransfers sind wichtig, um Innovationsimpulse im Rahmen von Förderprogrammen für die Unternehmen nutzbar zu machen. Darüber hinaus sind unsere Forschungsschwerpunkte Strukturwandel in den ländlichen Räumen im Allgemeinen und demografischer Wandel im Besonderen von hoher Bedeutung. Heißt konkret: Transfer in die Gesellschaft. Hier haben wir es ganz direkt mit Menschen aus der Region zu tun und dieser Transfer gelingt nur über Köpfe. Ausdruck der Relevanz für uns ist auch unser Bekenntnis, das wir nicht nur eine Hochschule in der Region, sondern mit der Region sein wollen. Die Methode des reflexiven Austausches ist dabei ein Garant für das wirkliche Erfassen der Herausforderungen um passende Lösungen zu entwickeln. Dann können wir auch die Königsdisziplin von Wirkung erzielen, indem die Innovationsfreude auf die Menschen überspringt uns sie zu proaktiv Handelnden werden.“

Wirkungsradius einer Hochschule ergänzen und erweitern

Ein großer Anspruch mit viel Potenzial. Gemeint ist hier – wie von Prof. Teschke ausgeführt –  die inhaltliche Verantwortungsdimension. Wir wissen: Wirtschaftlicher Strukturwandel geht in den allermeisten Fällen auch mit sozialem Strukturwandel einher. Ein Wandel oder gar das Wegbrechen ganzer Branchen hat auch Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt, auf die Einkommenssituation, auf die demografische Entwicklung, auf die Lebensqualität – um nur die wichtigsten zu benennen. Die Hochschule Neubrandenburg lebt das, was wir Synchronisation der Bedarfe mit den Themen der Hochschule genannt haben, indem sie die Schwerpunkte Strukturwandel und Demografie für sich gesetzt hat.

Aber auch auf die Frage nach den Formaten lohnt ein Blick. Die Diskutanten waren sich einig, dass nicht nur der Hochschulstandort an sich, sondern auch weitere Formate wir Reallabore, Mikropräsenzstellen, Gründerzentren, also Orte an denen Kreativität und Innovation ganz konkret mit Wirtschaft und Zivilgesellschaft gelebt wird, ein hohes Wirkungspotential beinhalten.

 Apl. Prof. Karl Martin Born, Universität Vechta erläutert hierzu: „Wenn wir den Leitsatz unseres Hochschulentwicklungsplans „Hochschule in Verantwortung“ in den Alltag übersetzen, dann verstehen wir uns als Ideengeberin für die Region. Der Hochschulschwerpunkt „Transformation“ als aktiver Schlüsselbegriff in allen Bereichen verdeutlicht zudem die Relevanz, die wir der Verantwortung für die Region geben. Zum einen drückt sich dies in der Wissenschaft aus, indem wir Transformationsprozesse analysieren und bewerten, zum anderen auch im aktiven Mitgestalten der diversen Strukturwandelprozesse in den ländlichen Räumen. Für die Umsetzung unserer Transferstrategie bedeutet das z.B. konkret, an dezentralen Mikrostandorten den Transfer von Wissenschaft in die Region zu befördern, oder auch der Aufbau von Forschungseinheiten oder sogenannten Reallaboren in der Fläche- als ganz neue und innovative Formate.

 Stefan Muhle, Staatssekretär für Digitalisierung in Niedersachsen ergänzt: „Wir brauchen den perfekten Raum und Ort für Kreativität, für Ideen, für Lösungen und für Innovation. Dezentrale Hochschulstandorte sind ein wichtiger Weg, aber ich würde den Gedanken der Räume gerne noch breiter denken wollen. Zum einen sollten wir Kreativität und Innovation entlang der gesamten Bildungskette möglich machen, wir sollten in die Diskussion Gründerzentren, Start Ups oder auch Reallabore mit einbeziehen. All das können Räume der Innovation sein. Weiterhin möchte ich vor allem nicht nur über jeweils zentrale Standorte sprechen, sondern ganz bewusst in die Fläche gehen. Das kann nur ein gut vernetztes System von vor allem auch kleinen Standorten und Formaten, die wie Satelliten in die Regionen wirken. Die Infrastruktur des Breitbandes ist dabei unerlässlich. Dafür setze ich mich täglich und erfolgreich ein.“

Wissenstürme öffnen – Strukturpolitik anpassen

Es ist also offensichtlich: Der Wert eines dezentralen Hochschulstandortes mit all seinen individuellen Möglichkeiten und Stärken kann ein Plus für strukturschwache Regionen sein. Strategisch sauber vorbereitet, operativ authentisch umgesetzt können sie weit über ihre reine Ausbildungsfunktion Wirkung erzielen. Im Kern ist es das kreative, offene und innovative Milieu, welches weit in die Gesellschaft hineinwirken kann. Kluge Modelle und Projekte, an den Bedarfen der Region orientiert, partizipativ umgesetzt, können sowohl dem wirtschaftlichen, als auch dem sozialen Strukturwandel entgegenwirken.  Das Zauberwort heißt: Identifikation.

Blicken wir nochmals in den Alltag: Große Programme bemühen sich um die genannten wichtigen Zielstellungen. Projekt-, Netzwerk- und Managementstrukturen entstehen und verhelfen der „dritten Mission“ als strukturpolitisch wichtigen Pfeiler einer Hochschule, zu kreativen und wirkungsvollen Vorhaben. Fördergrundsätze ermöglichen jedoch keine Langfristarbeit. Befristung und damit ein Wegfall an Kontinuität und Know How ist kaum ein Garant für Nachhaltigkeit.

 Apl. Prof. Karl Martin Born, Universität Vechta hierzu: „An Ideen und Formaten mangelt es nicht. Auch nicht unbedingt an Förderung und Unterstützung. Was uns herausfordert, ist die jeweilige Befristung, die kaum Raum für Nachhaltigkeit bietet. Hier fehlt auch noch das Bekenntnis der Politik, dass Transferanstrengungen in die leistungsbezogene Mittelvergabe für Hochschulen gehören.“

 Weg frei für eine neue Reputationslogik?

Die Hochschulallianz für den Mittelstand, deren Mitglieder anwendungsorientierte Hochschulen sind, formuliert es seit Jahren sehr konkret indem sie sich, als Analogie zur Deutschen Forschungsgemeinschaft, für eine Deutsche Transfergemeinschaft ausspricht. Angewandte Forschung in der Region für die Region würde so massiv gestärkt werden und gleichrangig neben den Kriterien der Deutschen Forschungsgemeinschaft für die Reputation der eingebundenen Forschenden nutzbar gemacht werden können. Die Frage nach der Messbarkeit von vor allem sozialen und gesellschaftlichen Innovationen ist jedoch noch längst nicht ausdiskutiert – aber dringend erforderlich.

 Dr. Heike Müller, Vizepräsidentin des Bauernverbands Mecklenburg-Vorpommern beobachtet: „Branchenunabhängig gedacht, haben Hochschulen auch immer einen Verjüngungseffekt für die Region. Das wirkt sich auf alle Lebensbereiche aus. Verjüngung kann dabei breit interpretiert werden: Von demografischen Effekten oder dem Kulturangebot bis hin zu neuen und frischen Ideen.“

 Was es nun bedarf, ist ein konzertierter Diskurs um die Wertigkeit, Realisierbarkeit und Messbarkeit der „Dritten Mission“. Der Stifterverband – als Schnittstelle zur Hochschullandschaft – geht mit seinem Projekt „Transferbarometer“ derzeit erste Schritte der Indikatorendiskussion für kulturelle, sozialwirtschaftliche bis hin zu zivilgesellschaftlichen Transferprofilen und ergänzt damit die Messbarkeit des klassischen Technologietransfers um für die Regionalentwicklung wirksamen Aktivitäten der Hochschulen.

Dr. Ariane Sept, Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung (IRS), Erkner formuliert hierzu: „Die Wirkung von sozialen Innovationen im Raum zu messen ist ein sehr hoher Anspruch, weil es hier nicht um Zahlen geht und sich die Prozesse eher langfristig entfalten. Hilfreich jedoch ist die Frage: Über wen reden wir eigentlich? Wer ist betroffen? Da sind zum einen die Studierenden, weiterhin die Mitarbeiter an der Hochschule sowie die in der Region lebenden Menschen. Somit hat man drei Perspektiven, aus denen man Wirkungen sichtbar und damit bewertbar machen kann. Ein weiterer Ansatz ist die Frage nach der Lebensqualität. Hieraus lassen sich Kriterien ableiten, die eher Zielekorridore aufmachen um anschließend diskursiv den Grad und die Qualität der Zielerreichung zu beantworten. Letztlich helfen auch soziostrukturelle oder Zufriedenheitsindikatoren – und damit eher quantitativ messbare Indikatoren – die Entwicklungen sichtbar machen können.“

 Innovation darf kein Privileg der prosperierenden Räume sein

Die Reise hat erst begonnen. Wir werden als Andreas Hermes Akademie diese Thematik weiterverfolgen. Geplant ist ein weiterer öffentlicher Diskurs in dem die Bundesländer Brandenburg und Nordrhein-Westfalen zu Wort kommen. Denn eines ist klar: Innovation darf kein Privileg der prosperierenden Räume sein. Wirtschaftliche, soziale und gesellschaftliche Stabilität und Wohlstand sollte ein Gebot der Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse darstellen.

Die Autorin

Marika Puskeppeleit

Geschäftsleiterin 


Sitz der Landesvertretung Mecklenburg-Vorpommern
Sitz der Landesvertretung Mecklenburg-Vorpommern (Foto by Markus Hawlik)

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