Die ländlichen Räume neu verstehen. Oder: Wie sich der Blick auf die ländlichen Räume verändert

von Marika Puskeppeleit

Der Blick wird differenzierter, die Akteure vielfältiger und die Sprache positiver. Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass die Themen der ländlichen Räume nicht mehr nur eine Nische strukturpolitischer Diskurse füllen, sondern verstärkt auch in Politik, Wissenschaft und Gesellschaft Raum einfordern und bekommen. Und: Die ländlichen Räume erhalten neue Rollen und Wertigkeiten. Ein Versuch, einen Überblick zu geben...

Was wir schon immer wussten: Die ländlichen Räume sind sehr divers. Sie sind Produktionsstandorte für unsere Lebensmittel, beheimaten Industrie und Mittelstand, sind Freizeit- und Erholungsraum, Energieorte und vieles mehr. Aber vor allem sind sie Räume, in denen das Leben stattfindet. Unzählige Kleinstädte, Dörfer und sogenannte „Dritte Orte“ verteilen sich geordnet und ungeordnet auf der Landkarte. Orte an denen sich getroffen und Gemeinschaft gelebt wird.

Zwei Realitäten

Die „Herausforderung“ ländlicher Raum“ stand von je her im Mittelpunkt. In der Politik, in Förderlinien, in der Gesellschaft, wie auch in den Köpfen vieler Menschen ging es meist um Abwanderung, um Leerstand, um infrastrukturelle Defizite und eine Überalterung der Bewohner. Schlussendlich ging es oft um „Resträume“, denen wenig bis gar keine Wertschätzung entgegengebracht wurde. Auch Bemühungen über Gebietsreformen eine Zentralisierung kommunaler Zuständigkeiten zu erwirken – quasi aus Vielen Eins zu machen – nagte am Selbstbewusstsein der ländlichen Räume. Es liegt nur nahe, dass Begriffe wie „Abgehängt sein“ aufkommen.
Auf der anderen Seite versuchte das Phänomen „Landlust“ zu versprechen, dass auch Lust und nicht nur Frust auf dem Land herrscht. Ein erster Schritt war getan und die Erfolgsgeschichten unzähliger Zeitschriften sprechen für sich. Es fühlt sich gut an, Einblicke in die heilen Welten der ländlichen Räume zu erhalten und auch in kleinen Portionen in die urbane Welt zu tragen.

Die Aufbruchsstimmung wird konkreter

Auf vielen Ebenen tut sich ein neues Bewusstsein und Selbstbewusstsein in den ländlichen Räumen auf. Natürlich bleiben die strukturellen Herausforderungen und sie werden z.T. sogar komplexer. Begegnet werden diese mit finanziell gut ausgestatteten Förderprogrammen. Politik, Verbände, Wissenschaft und Forschung formulieren zukunftsorientierte Ansätze zur Weiterentwicklung.

Mehr noch: Um gesellschaftlichem Druck, politischem Handlungsstau aber auch den vielfältigen Entwicklungspotenzialen der ländlichen Räume einen operativen Rahmen zu geben, ließ das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft eine eigene Abteilung „Ländliche Entwicklung“ entstehen. Einige Monate später zog das Bundesministerium des Innern nach und baute eine eigene Abteilung „Heimat“ auf. Dies war ein wichtiger Schritt in Richtung „gleichwertige Lebensverhältnisse“! Zum ersten Mal bündeln sich Bedarfe wie Strategien sehr unterschiedlich geprägter Raumkategorien, anstatt diese getrennt voneinander zu betrachten. Zum ersten Mal werden geografische Einheiten gemeinsam gedacht und bedacht. Die Hoffnung steigt, dass nun über echte Synergien gesprochen wird und die Unterschiedlichkeit der Räume auch ein Stückweit als Stärke interpretiert wird und für die ländlichen Räume die Chancendiskussion beginnt. Das Land der zwei Geschwindigkeiten kann zum Land der Gleichwertigkeit werden.

Schauen wir in den Juli 2018, so tut sich ein weiteres positives Signal auf: Die neue Koalition gründet die Kommission “Gleichwertige Lebensverhältnisse“ und setzt damit ein sehr klares Zeichen, die ländlichen Räume nicht abhängen zu wollen, sondern als prominenten Teil der Gleichwertigkeitsdiskussion mitzudenken.

Veränderungen in der Kommunikation unterstreichen den Bewusstseinswandel

Der Blick verändert sich. Langsam. Und die Sprache. Und mit der Veränderung kommt eine neue Wertschätzung. Man hört: „Die ländlichen Räume benötigen keine Almosen“, „die ländlichen Räume als Kreativorte“, oder „die ländlichen Räume sind unsere Kraftzentren“. Zu hören und zu lesen ist von „Lokalhelden“, von „LandRebellen“, oder „Landengeln“. Selbstbewusst und authentisch. Mehr und mehr verlagert sich der Fokus auch auf eine Vorteils- statt Nachteilsdiskussion und eine Chancen- statt Defizitdiskussion. Der Wettbewerb “Menschen und Erfolge“ steht exemplarisch für zahlreiche Initiativen und Menschen, die sich in und für Ihre Region einsetzen.

Diese Entwicklungen haben vor allem etwas mit Haltung zu tun. Wertschätzung von Engagement motiviert. Ein wirkungsvoller Gestalter heißt eben vor allem Eigenverantwortung. Das Wort Subsidiarität steht auf den Prüfstand. Auf der Agenda steht derzeit die Reflexion des Grundsatzes der kommunalen Selbstverwaltung und der Gestaltungsebene Kommune und Bürger. Vielerorts bereits eingesetzte Regionalbudgets sind richtige Antworten.

Die ländlichen Räume als Orte für Kollaboration, Vernetzung und Innovation

Wie kommt das Neue in…? Diese Frage ist so alt wie die Welt. Dennoch lohnt ein wiederkehrender Blick auf die alte Frage, um neue Antworten zu finden. Kollaboration und Vernetzung werden als Erfolgsfaktoren diskutiert und es macht großen Sinn, nach Möglichkeiten für deren Nutzbarmachung zu schauen.

Auf Platz eins steht der digitale Wandel. Analoge mit digitalen Möglichkeiten zusammen zu bringen, kann die Wirkung von Maßnahmen auf ein Vielfaches potenzieren. Die durch den digitalen Wandel offerierten Möglichkeiten der ortsunabhängigen Vernetzung eröffnen den ländlichen Räumen zu Projekten, die vorher undenkbar waren. Digitale Lösungen haben nicht nur das Potenzial, Strukturen zu erhalten, sondern sie zudem zu verbessern. Der Blick auf das Fehlende wird zu einem Blick auf das, was vielleicht sogar besser und attraktiver ist als in den Zentren. Aus den Vernetzungen entstehen Daten, und die gilt es nutzbar zu machen.

Die ländlichen Räume auch als Orte „neuer“ Wertschöpfung

Frage: Wieviel Landwirtschaft steckt (noch) in den ländlichen Räumen? Die Quantität der Flächeninanspruchnahme ist vielerorts hoch, deren Wertschöpfung beachtlich, aber ihr Beitrag am regionalen Arbeitsplatzangebot sehr klein. Das war in früheren Zeiten sehr anders. Mehr technischer Einsatz „im Stall und auf dem Acker“ bedeutet eben auch in der Landwirtschaft weniger Personaleinsatz. Die Liste der Arbeitgeber verschiebt sich nicht erst seit gestern in Richtung Industrie, Handel, Handwerk und Dienstleistungen. Im Umkehrschluss bedeutet dies: In vielen Regionen prägt Landwirtschaft das Landschaftsbild, dies gilt jedoch nicht mehr für die Menschen.

Mensch und Gesellschaft verändern sich und damit auch die Erwartungen an Landwirtschaft und Ernährung. Die Vielfalt an Ernährungstrends kennt derzeit kein Ende und schafft sich auch in der konventionellen landwirtschaftlichen Produktion ihre Nischen. Der Ruf nach „glokal“ und „Transparenz“ bringt es auf den Punkt. Es unterstreicht die Notwendigkeit global zu denken – Stichwort Klimaschutz und Nachhaltigkeit – aber lokal zu handeln. Hieraus entstehen nachhaltige Wertschöpfungsketten, die in den Regionen verbleiben. Von der Produktion bis hin zur Vermarktung. Die “Hoftalente” machen es vor.

Nicht nur diese Trends sind ein großes Feld für bestehende und künftige Startups in den ländlichen Räumen. Forderungen an Nachhaltigkeit, biologischer Vielfalt, Individualität und Regionalität sind hoch, aber auch eine Chance, der Landwirtschaft zu einer neuen Wertigkeit zu verhelfen. Proaktiv statt reaktiv.

Die ländlichen Räume als Identitätsräume weiterentwickeln und stärken

Wenn die Landwirtschaft als Arbeitgeber und Identitätsgeber verschwindend klein wird, Braunkohlereviere ihre Tore schließen, dann braucht es neue Identitäten für die ländlichen Räume. Lassen wir die Menschen vor Ort gestalten und mehr noch: Unterstützen wir die vielen kreativen Ideen vor Ort, der Vereine, der Startups mit großartigen Ideen, die neuen Wohn- und Lebensprojekte die durch die digitalen Möglichkeiten das Leben und Arbeiten an einem Standort wieder ein Stück mehr möglich und attraktiv machen. Schauen Sie doch mal vorbei bei den Kreativorten Brandenburg!

Und nun?

Der Blick auf die ländlichen Räume muss aufmerksam bleiben. Eine sinnvolle Strukturpolitik kann einiges an „Reparatur“, vor allem aber auch an Weiterentwicklung leisten: Impulse setzen, Innovationstreiber ausmachen und fördern und den Menschen mit den Bedarfen vor Ort in den Mittelpunkt stellen. Was jedoch auch deutlich wird: Eine neue Generation der ländlichen Räume macht sich breit. Die vermeintliche Provinz wird hier und da zum Sieger im Attraktivitätsranking. Nicht nur aus Gründen des Platzmangels in den Städten, sondern aus Gründen des größeren Reichtums an Engagement, Raum, Natur, Ruhe und guter Luft in den ländlichen Regionen.

Die Autorin

Marika Puskeppeleit

Geschäftsleiterin 


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