Gute Landwirtschaft, schlechte Landwirtschaft? Ein Ideal unter der Lupe

von Marieke Behrens

Oftmals schieben wir leichtfertig den Landwirtinnen und Landwirten die Schuld für unser heutiges Agrar- und Ernährungssystem, welches weder sozial, wirtschaftlich noch ökologisch nachhaltig ist, in die Schuhe. Doch tatsächlich handelt es sich um ein Produkt kollektiver Leistung. Jahrzehnte lang basierte das System auf perfekter Harmonie zwischen den Bedürfnissen, Zielen und Mechanismen der europäischen Gesellschaft. So stand nach dem zweiten Weltkrieg die Bekämpfung von Hungersnot und der wirtschaftliche Aufschwung im Mittelpunkt. Und die Landwirtschaft erfüllte diese Aufgabe – gestützt von einer ausgesprochen produktionsfreundlichen Politik – quasi in Perfektion. Doch als das Agrar- und Ernährungssystem Opfer seines eigenen Erfolges wurde, kam es zu einem zunehmenden Bruch dieser Harmonie: die unbestreitbaren negativen ökologischen Folgen der intensiven Nahrungsmittelproduktion, die veränderten gesellschaftlichen Bedürfnisse und das Aufkommen neuer politischer und wirtschaftlicher Regularien stellten die Legitimität der Landwirtschaft zunehmend in Frage. Heute finden sich Landwirtinnen und Landwirte in einer ganz anderen Welt wieder als noch ihre Vorgängergeneration.
Symbolbild Traktor

In meiner Masterarbeit habe ich versucht, diesen Wandel aus Sicht der Landwirtinnen und Landwirte nachzuvollziehen und zu veranschaulichen. Handeln allein kann nie die ganze Geschichte erzählen, denn unser Handeln passen wir an die Regeln des Systems an. Deshalb konzentrierte ich mich in meiner Arbeit auf das, was die Landwirtinnen und Landwirte in ihrem Handeln antreibt: ihre Werte und ihre Bestrebungen. Wir hegen bestimmte Vorstellungen darüber, was es heißt, ein „guter Mensch“, eine „gute Mutter“ oder ein „guter Lehrender“ zu sein. Wir schreiben bestimmten Eigenschaften und Verhaltensweisen eine symbolische Wertigkeit zu. Doch mit der Zeit verändern sich die Kriterien, nach denen wir „gut“ bemessen. Auch die Definition eines „guten Landwirts“, einer „guten Landwirtin“ hat sich in den letzten Jahrzehnten stark geändert. Was verstehen deutsche Landwirtinnen und Landwirte heute darunter, ein „guter Landwirt“, eine „gute Landwirtin“ zu sein? Welchen Praktiken und Eigenschaften messen sie einen symbolischen Wert zu? Dahinter steht auch die Frage, ob sich ihre Ideale an die veränderte Außenwelt anpassen.

Der wirtschaftliche Erfolg ist und bleibt eines der wichtigsten Kriterien zur Bestimmung eines „guten Landwirts“, einer „guten Landwirtin“. Nur ein ökonomisch überlebensfähiger Betrieb lässt sich an die nachfolgende Generation weitergeben, eines der Hauptziele der Befragten. Doch die Umgestaltung der “Spielregeln” des Agrarsektors verlangt eine Anpassung der landwirtschaftlichen Praxis. Als Teil der vielen Reformen, die die GAP in den letzten Jahrzehnten durchlief, hat sich das Belohnungssystem von der Vergütung schier unbegrenzter Mengen durch Preisgarantien hin zu mengenunabhängigen Direktzahlungen sowie anderen Formen der Belohnung (z. B. der Teilnahme an Agrarumweltprogrammen) verschoben. Die heutige Arbeit eines Landwirts/einer Landwirtin erinnert mehr an einen Bürojob als an das traditionelle Bild der Feldarbeit (zum Leid vieler Befragter). Es kommt zu einer Neubewertung ihres Alltags: Während harte körperliche Arbeit an Bedeutung verliert, gewinnt das Beherrschen des Bürokratie-Dschungels an symbolischen Wert. So streben vor allem jüngere Landwirte und Landwirtinnen danach, das System geschickt zu “manövrieren”, um es zu ihrem Vorteil zu nutzen.

Wirtschaftliche Überlegungen spielen bei den Entscheidungen der Landwirtinnen und Landwirte eine große Rolle, sind aber nicht immer das entscheidende Kriterium. Während ihr Beruf früher gesellschaftliches Ansehen genoss, sehen sie sich heute von vielen Seiten mit Kritik konfrontiert. Praktiken wie der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln, die einst von Gesellschaft und Kolleginnen und Kollegen gleichermaßen geschätzt wurden, sind heute heftig umstritten. Mit der Erosion des gesellschaftlichen Ansehens ging auch eine Erosion der Ausnahmestellung der Landwirtschaft in Wirtschaft und Politik einher. Als Folge müssen Landwirte und Landwirtinnen einer Vielzahl von Richtlinien und Auflagen Rechnung tragen (von manch einem als „parasitäres System“ oder auch „Foucaultsches Panoptikum“ bezeichnet werden). Diese Kontrollmechanismen stehen im Widerspruch zu ihrem Verständnis des idealen bäuerlichen Lebensstils; ein Lebensstil, der sich durch starke Unabhängigkeit und Selbstbestimmung auszeichnet. Ihre jahrzehntelange Vorreiterstellung als Hütende der Landschaft und Welternährende bröckelt und stellt ihre Rolle zunehmend in Frage – zumindest von außen.

Das Paradoxe ist, dass die multifunktionalen Leistungen der Landwirtschaft (also die Tätigkeiten, die über die reine Nahrungsmittelproduktion hinausgehen) noch nie so hoch honoriert wurden wie heute, zumindest in finanzieller Hinsicht. Da sich die Landwirtschaft jedoch einer wachsenden gesellschaftlichen Missbilligung, einem Statusverlust und einer Abwertung ihrer Tätigkeit gegenübersieht, fühlen sich die Landwirtinnen und Landwirte nicht wertgeschätzt. Heutzutage verfügen beide Seiten, Landwirtschaft und Gesellschaft, nicht mehr über identische Kategorien der Wahrnehmung und Wertschätzung. Letztlich führt diese Diskrepanz zu einem Nettoverlust an “gutem Landwirtschaftskapital”. Die finanzielle Anerkennung kann also nicht in Gänze den sozialen Verlust kompensieren. Monetäre Aufwandsentschädigungen werden weiterhin nur eine begrenzte Rolle spielen, sofern sie nicht mit einer gesellschaftlichen Wiederaufwertung der Landwirtschaft einhergehen. Die Diskrepanz zwischen ihrer eigenen und der gesellschaftlichen Wahrnehmung hat jedoch längst zu Entfremdung und verhärteten Fronten geführt, welche die Lösung von Konflikten zunehmend schwieriger macht.

Die wachsende Unterstützung der multifunktionalen Leistungen durch die GAP ist ein Schritt in die richtige Richtung, um sowohl auf die ökologischen und gesellschaftlichen Bedürfnisse zu reagieren. Gleichzeitig ist es eine Möglichkeit, einen wirtschaftsfähigen Landwirtschaftssektor zu erhalten, der seine ehemalige Legitimität und Akzeptanz zurückgewinnt. Um die Transformation des Agrar- und Ernährungssystem zu beschleunigen, müssen wir alle unseren Teil der Verantwortung erkennen. Die Arbeit der Zukunftskommission Landwirtschaft stimmt positiv und es bleibt zu hoffen, dass sich nicht nur die Kommission auf ein Zukunftsmodell für die Landwirtschaft einigt, sondern dass die Gesellschaft als Ganzes diesem Beispiel folgt. Mit meiner Masterarbeit möchte ich einen Beitrag, wenn auch noch so klein, leisten, den Dialog zwischen den Parteien anzuregen, indem ich die Perspektive der Landwirtinnen und Landwirten beleuchte und ihre Werte und Tätigkeiten in einen historischen Kontext komplexer Verflechtungen setze. Die In diesem Sinne schließe ich mit einem humorvollen Zitat eines interviewten Landwirts: “Ich habe manchmal den Eindruck, dass Landwirtschaft oder, dass das Thema Ernährung ein bisschen ist wie beim Fußball: Da wissen auch 80.000 Zuschauer in Dortmund jeden Samstag sehr genau, was der Trainer verkehrt macht. Aber so einfach ist es nicht. Ich wünsche mir, dass eine Diskussion deutlich ausgewogener ist. Dass auch die Landwirtinnen und Landwirte in einer Diskussion deutlich mehr zu Wort kommen und ihre Sichtweise darlegen können.“

Die Autorin

Marieke Behrens

Referentin Entwicklung ländliche Räume

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