Fachtag zu Demokratiebildung in ländlichen Räumen: Zwischen Spannungsfeldern und Mutmachern

von Franziska Holze

Mut wächst dort, wo Menschen Spannungen aushalten: Zwischen Nähe und professioneller Distanz, hohen Erwartungen und knappen Ressourcen: Demokratiebildung in ländlichen Räumen bewegt sich in Spannungsfeldern. Was Bildungsakteure aktuell herausfordert und gleichzeitig handlungsfähig macht wurde beim Fachtag, der den Blick explizit auf ländliche Strukturen legte, intensiv diskutiert. Wie im Zusammenspiel von Forschung, Praxis und Austausch mit diesen Spannungen gearbeitet wird, wird im Fachtag sichtbar …

Mut säen, Zukunft ernten – Fachtag zu Demokratiebildung in ländlichen Räumen

Mut wächst nicht von allein. Er entsteht dort, wo Menschen zusammenkommen, Erfahrungen teilen und neue Wege erproben. Die AHA versteht sich als Partnerin für die Entwicklungsprozesse, damit Menschen und Organisationen handlungsfähig bleiben, auch unter Herausforderungen.
 

Genau dafür bot der Fachtag „Mut säen, Zukunft ernten – Demokratiebildung in ländlichen Räumen“ im Februar in der Heimvolkshochschule am Seddiner See Raum. Im Rahmen des von der AHA koordinierten VBLR-Projekts zur Demokratiebildung in ländlichen Räumen kamen Pädagoginnen und Pädagogen aus Bildungszentren, Mitarbeitende aus Jugendverbänden, Lehrkräfte aus grünen Berufen, Respekt Coaches aus Schulen, Aktive in ländlichen Kommunen und gemeinnützigen Vereinen und Menschen aus der Forschung zusammen, um sich auszutauschen, voneinander zu lernen und gemeinsam Perspektiven für ihre Arbeit zu entwickeln. Denn Demokratiebildung ist kein abstraktes Bildungsziel, sondern eine konkrete Gestaltungsaufgabe für Organisationen und Menschen in ländlichen Räumen.

Zwischen wachsendem Bedarf und herausfordernden Rahmenbedingungen

Während des Fachtags wurde deutlich, wie stark sich die Rahmenbedingungen für Demokratiebildung in den vergangenen Jahren verändert haben. Viele Teilnehmende beschrieben eine Situation, die von wachsendem Bedarf bei gleichzeitig begrenzten Ressourcen geprägt ist. “Es bräuchte gerade so dringend viel Demokratiebildung – aber die öffentlichen Kassen sind leer.”, “Überforderung und Sorgen von pädagogischen Fachkräften aufgrund der politischen Lage. Der Zugang zu unterschiedlichen Adressatengruppen wird schwieriger.”,  “Es braucht neue Wege und vor allem Ressourcen, diese auch zu gehen.”

Demokratiebildung findet in ländlichen Räumen oft in kleinen, tragenden Strukturen statt: in Vereinen, Initiativen, Schulen, Jugendclubs oder Bildungszentren. Gleichzeitig stehen viele Akteurinnen und Akteure vor unsicherer Finanzierung, knappen personellen Ressourcen, weiten Wegen und der Herausforderung, unterschiedliche Lebenswelten miteinander ins Gespräch zu bringen.

Und es wurde sichtbar: Gerade diese Strukturen sind es auch, die demokratische Prozesse im Alltag tragen. Beziehungen, Vertrauen und langfristige Zusammenarbeit sind zentrale Ressourcen sowie gleichzeitig Teil eines Spannungsfelds, das professionell gestaltet werden muss.

Handlungsfähig bleiben in komplexen Zeiten

 

AHA Trainerrin Julia Ilper

Fachimpulse und Beiträge der Teilnehmenden des Fachtags machten diese Spannungsfelder sichtbar. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie Fachkräfte und Organisationen auch unter unsicheren Bedingungen handlungsfähig bleiben können.

Die Trainerin Julia Ilper (AHA) nahm die Teilnehmenden in ihre persönlichen Aspekte von Resilienz und Selbstführung in einer komplexen, sich schnell verändernden „VUKA-Welt“ mit. Entscheidend sei nicht, alle Herausforderungen gleichzeitig lösen zu wollen, sondern die eigenen Handlungsspielräume in den Blick zu nehmen.

Diese Perspektive wurde von vielen Teilnehmenden aufgegriffen und im gemeinsamen Arbeiten weitergedacht. Im Tagungspadlet wurde eine zentrale Erkenntnis formuliert, die auch entlastete: „Überlastung ist systemisch, nicht individuell.“

Weitere Impulse machten deutlich, wie wichtig es ist, Demokratiebildung an konkrete Lebensrealitäten anzupassen:

  • Nathalie Bock (John-Dewey-Forschungsstelle für die Didaktik der Demokratie, TU Dresden) stellte praktische Perspektiven für Demokratiebildung jenseits städtischer Denkweisen vor, betonte die Bedeutung lokaler Lebensrealitäten und wie Spannungen Ausgangspunkt für demokratisches Lernen sein können.
  • Lukas Haffert (Universität Genf, Autor „Stadt Land Frust“) zeigte im Vortrag über den häufig beschworenen „Stadt-Land-Graben“, dass dieser weniger ein reiner Orts- als ein Alters- und Erfahrungsweltengraben ist.

Gerade für Organisationen in ländlichen Räumen bedeutet das: Erfolgreiche Bildungsarbeit entsteht dort, wo sich Menschen in ihrer Lebensrealität gesehen fühlen und ihre Erfahrungen und ihr Wissen ernst genommen werden.

Lernen, erproben, reflektieren

In zwei praxisorientierten Workshopphasen konnten die Teilnehmenden konkrete Ansätze für ihre Arbeit vertiefen: von Medienkompetenz und dem Umgang mit Desinformation über kreative Zugänge zur Arbeit mit Emotionen und geschlechtsspezifische Ansätze bis hin zu Strategien im Umgang mit antidemokratischen Akteuren oder Methoden für Perspektivwechsel und Dialog. Dabei wurde deutlich: Es gibt nicht die eine Lösung und Demokratiebildung lebt von Vielfalt in Methoden, Zugängen und Perspektiven, die je nach Kontext eingesetzt werden und wirksam werden können.

Demokratiebildung im Spannungsfeld

Ein zentrales Ergebnis des Fachtags war die gemeinsame Reflexion der Spannungsfelder und Mutmacher, in denen sich Demokratiebildung in ländlichen Räumen bewegt.

Nähe vs. professionelle Distanz

In ländlichen Räumen sind Beziehungen eng, Rollen überschneiden sich, Konflikte bleiben lange sichtbar. Bildungsakteur:innen sind oft gleichzeitig Nachbar:innen, Vereinsmitglieder oder Eltern. Diese Nähe ermöglicht Vertrauen und langfristige Beziehungen, erfordert aber gleichzeitig eine bewusste professionelle Haltung und klare Kommunikation.

Erwartungsdruck vs. begrenzte Ressourcen

Hohe Erwartungen an Demokratiebildung treffen auf kleine Teams, weite Wege, knappe Mittel und wenig Zeit. Hier entstehen neue Handlungsspielräume insbesondere durch Kooperationen, bestehende Strukturen und niedrigschwellige, übertragbare Formate.

Konfliktvermeidung vs. notwendige Auseinandersetzung

 In kleinen Gemeinschaften wird Konflikt oft vermieden, gleichzeitig sind kontroverse Themen zentral für Demokratiebildung. Demokratische Bildungsarbeit bedeutet hier, Räume zu schaffen, in denen auch schwierige Themen besprechbar werden.

Ohnmachtsgefühle vs. Handlungsspielräume

Viele Akteurinnen und Akteure erleben gesellschaftliche Polarisierung, politische Frustration oder rechtsextreme Präsenz als belastend. Ein zentraler Ansatz liegt darin, den Fokus auf den eigenen Einflussbereich zu richten und Handlungsmöglichkeiten sichtbar zu machen.

Stadt-Land-Narrative vs. reale Vielfalt

Der „Stadt-Land-Graben“ wird oft vereinfacht dargestellt, obwohl ländliche Räume sehr unterschiedlich sind. Differenzierte Perspektiven und die Anerkennung lokaler Realitäten sind entscheidend für wirksame Bildungsarbeit.

Die Ressource: Zusammenarbeit

Was vielen Teilnehmenden Mut machte, war vor allem eines: die Erfahrung, nicht allein zu sein. Netzwerke, Kooperationen unterschiedlicher Akteure und der Austausch untereinander wurden als zentrale Ressource und Voraussetzung für wirksame Arbeit benannt. Die Arbeit in ländlichen Räumen lebt von diesen Verbindungen und von Räumen, in denen Lernen, Reflexion und gegenseitige Unterstützung möglich sind.

Austausch jenseits des Seminarraums

Eine gemeinsame Abendaktion im Wald und am zugefrorenen Seddiner See schuf Raum für einen besonderen Moment der ganz persönlichen Reflexion und des Austausch am Feuer und beim gemütlichen Beisammensein im Anschluss. Solche informellen Räume sind ein wesentlicher Bestandteil gelingender Reflexions- und Bildungsprozesse, gerade in herausfordernden Arbeitskontexten.

Zukunft gestalten heißt Menschen stärken

Demokratiebildung beginnt nicht in Programmen, sondern bei Menschen: in ihren Beziehungen, gegenseitige Inspiration, Stärkung, ihrer Haltung und ihrem Mut, den nächsten Schritt zu gehen. Genau hier setzt die Arbeit der Andreas Hermes Akademie und des Verband des Bildungszentren im ländlichen Raum an, um Menschen in ihren Kompetenzen weiterzuentwickeln und Veränderungsprozesse aktiv zu gestalten.

Was vom Fachtag bleibt – nicht nur als Abschlussmethode und real zum Aussäen – sind viele kleine Samen: Ideen, Kontakte, neues Wissen, methodische Ansätze und  Perspektiven. Ob daraus Zukunft wächst, entscheidet sich vor Ort in den Regionen, in den Organisationen und bei den Menschen selbst.
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Der Fachtag fand statt im Rahmen des Projekts: „Abgehängt? Eingeholt! Jung, ländlich & vielfältig“ statt – ein Projekt des Verbands der Bildungszentren im ländlichen Raum, koordiniert durch Franziska Holze von der Andreas Hermes Akademie. Gefördert durch das BMBFSFJ und die DZ-Bank Stiftung.

Weitere Informationen, Inhalte und Eindrücke vom Fachtag finden sich hier. Die Dokumentationen, Materialien und Methoden aus den Workshops sind im Padlet verfügbar.

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Vielen Dank an alle Referentinnen und Referenten, Workshopleitungen, Teilnehmende, das Veranstaltungshaus, die Geschäftsstelle des Verbandes und an das Team des Projekts: „Abgehängt? Eingeholt! Jung, ländlich und vielfältig“!

Die Autorin

Franziska Holze

Projektkoordinatorin und Bildungsreferentin

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