Mut säen, Zukunft ernten – Fachtag zu Demokratiebildung in ländlichen Räumen
Mut wächst nicht von allein. Er entsteht dort, wo Menschen zusammenkommen, Erfahrungen teilen und neue Wege erproben. Die AHA versteht sich als Partnerin für die Entwicklungsprozesse, damit Menschen und Organisationen handlungsfähig bleiben, auch unter Herausforderungen.

Genau dafür bot der Fachtag „Mut säen, Zukunft ernten – Demokratiebildung in ländlichen Räumen“ im Februar in der Heimvolkshochschule am Seddiner See Raum. Im Rahmen des von der AHA koordinierten VBLR-Projekts zur Demokratiebildung in ländlichen Räumen kamen Pädagoginnen und Pädagogen aus Bildungszentren, Mitarbeitende aus Jugendverbänden, Lehrkräfte aus grünen Berufen, Respekt Coaches aus Schulen, Aktive in ländlichen Kommunen und gemeinnützigen Vereinen und Menschen aus der Forschung zusammen, um sich auszutauschen, voneinander zu lernen und gemeinsam Perspektiven für ihre Arbeit zu entwickeln. Denn Demokratiebildung ist kein abstraktes Bildungsziel, sondern eine konkrete Gestaltungsaufgabe für Organisationen und Menschen in ländlichen Räumen.
Zwischen wachsendem Bedarf und herausfordernden Rahmenbedingungen
Während des Fachtags wurde deutlich, wie stark sich die Rahmenbedingungen für Demokratiebildung in den vergangenen Jahren verändert haben. Viele Teilnehmende beschrieben eine Situation, die von wachsendem Bedarf bei gleichzeitig begrenzten Ressourcen geprägt ist. “Es bräuchte gerade so dringend viel Demokratiebildung – aber die öffentlichen Kassen sind leer.”, “Überforderung und Sorgen von pädagogischen Fachkräften aufgrund der politischen Lage. Der Zugang zu unterschiedlichen Adressatengruppen wird schwieriger.”, “Es braucht neue Wege und vor allem Ressourcen, diese auch zu gehen.”
Demokratiebildung findet in ländlichen Räumen oft in kleinen, tragenden Strukturen statt: in Vereinen, Initiativen, Schulen, Jugendclubs oder Bildungszentren. Gleichzeitig stehen viele Akteurinnen und Akteure vor unsicherer Finanzierung, knappen personellen Ressourcen, weiten Wegen und der Herausforderung, unterschiedliche Lebenswelten miteinander ins Gespräch zu bringen.
Und es wurde sichtbar: Gerade diese Strukturen sind es auch, die demokratische Prozesse im Alltag tragen. Beziehungen, Vertrauen und langfristige Zusammenarbeit sind zentrale Ressourcen sowie gleichzeitig Teil eines Spannungsfelds, das professionell gestaltet werden muss.
Handlungsfähig bleiben in komplexen Zeiten
AHA Trainerrin Julia Ilper
Fachimpulse und Beiträge der Teilnehmenden des Fachtags machten diese Spannungsfelder sichtbar. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie Fachkräfte und Organisationen auch unter unsicheren Bedingungen handlungsfähig bleiben können.
Die Trainerin Julia Ilper (AHA) nahm die Teilnehmenden in ihre persönlichen Aspekte von Resilienz und Selbstführung in einer komplexen, sich schnell verändernden „VUKA-Welt“ mit. Entscheidend sei nicht, alle Herausforderungen gleichzeitig lösen zu wollen, sondern die eigenen Handlungsspielräume in den Blick zu nehmen.
Diese Perspektive wurde von vielen Teilnehmenden aufgegriffen und im gemeinsamen Arbeiten weitergedacht. Im Tagungspadlet wurde eine zentrale Erkenntnis formuliert, die auch entlastete: „Überlastung ist systemisch, nicht individuell.“
Weitere Impulse machten deutlich, wie wichtig es ist, Demokratiebildung an konkrete Lebensrealitäten anzupassen:
- Nathalie Bock (John-Dewey-Forschungsstelle für die Didaktik der Demokratie, TU Dresden) stellte praktische Perspektiven für Demokratiebildung jenseits städtischer Denkweisen vor, betonte die Bedeutung lokaler Lebensrealitäten und wie Spannungen Ausgangspunkt für demokratisches Lernen sein können.
- Lukas Haffert (Universität Genf, Autor „Stadt Land Frust“) zeigte im Vortrag über den häufig beschworenen „Stadt-Land-Graben“, dass dieser weniger ein reiner Orts- als ein Alters- und Erfahrungsweltengraben ist.
Gerade für Organisationen in ländlichen Räumen bedeutet das: Erfolgreiche Bildungsarbeit entsteht dort, wo sich Menschen in ihrer Lebensrealität gesehen fühlen und ihre Erfahrungen und ihr Wissen ernst genommen werden.
Lernen, erproben, reflektieren
In zwei praxisorientierten Workshopphasen konnten die Teilnehmenden konkrete Ansätze für ihre Arbeit vertiefen: von Medienkompetenz und dem Umgang mit Desinformation über kreative Zugänge zur Arbeit mit Emotionen und geschlechtsspezifische Ansätze bis hin zu Strategien im Umgang mit antidemokratischen Akteuren oder Methoden für Perspektivwechsel und Dialog. Dabei wurde deutlich: Es gibt nicht die eine Lösung und Demokratiebildung lebt von Vielfalt in Methoden, Zugängen und Perspektiven, die je nach Kontext eingesetzt werden und wirksam werden können.
Demokratiebildung im Spannungsfeld
Ein zentrales Ergebnis des Fachtags war die gemeinsame Reflexion der Spannungsfelder und Mutmacher, in denen sich Demokratiebildung in ländlichen Räumen bewegt.
Nähe vs. professionelle Distanz
In ländlichen Räumen sind Beziehungen eng, Rollen überschneiden sich, Konflikte bleiben lange sichtbar. Bildungsakteur:innen sind oft gleichzeitig Nachbar:innen, Vereinsmitglieder oder Eltern. Diese Nähe ermöglicht Vertrauen und langfristige Beziehungen, erfordert aber gleichzeitig eine bewusste professionelle Haltung und klare Kommunikation.
Erwartungsdruck vs. begrenzte Ressourcen
Hohe Erwartungen an Demokratiebildung treffen auf kleine Teams, weite Wege, knappe Mittel und wenig Zeit. Hier entstehen neue Handlungsspielräume insbesondere durch Kooperationen, bestehende Strukturen und niedrigschwellige, übertragbare Formate.
Konfliktvermeidung vs. notwendige Auseinandersetzung
In kleinen Gemeinschaften wird Konflikt oft vermieden, gleichzeitig sind kontroverse Themen zentral für Demokratiebildung. Demokratische Bildungsarbeit bedeutet hier, Räume zu schaffen, in denen auch schwierige Themen besprechbar werden.
Ohnmachtsgefühle vs. Handlungsspielräume
Viele Akteurinnen und Akteure erleben gesellschaftliche Polarisierung, politische Frustration oder rechtsextreme Präsenz als belastend. Ein zentraler Ansatz liegt darin, den Fokus auf den eigenen Einflussbereich zu richten und Handlungsmöglichkeiten sichtbar zu machen.