Young Farmers Exchange: Von Brasilien nach Deutschland – und von dem, was unterwegs entsteht

von Baidy Wane

Erst beim Abschlussevent des Young Farmers Exchange in Berlin schloss sich der Kreis: Im Rückblick auf die vergangenen zehn Tage zitierte der brasilianische Teilnehmer Alexandre aus dem von der AHA gemeinsam mit der WFO veröffentlichten Handbuch Farmers’ Organizations. Doch wie kam er ausgerechnet darauf?

Gelegenheit, sich ausgiebig mit Fachliteratur zu beschäftigen, dürfte während der Reise jedenfalls kaum gewesen sein. Denn das Programm für die zehn deutschen und zehn brasilianischen Teilnehmenden war dicht. Zehn Tage lang reisten sie über mehrere Stationen von Köln nach Berlin. Auf dem Programm standen Besuche bei landwirtschaftlichen Organisationen und Unternehmen, Forschungseinrichtungen, Politik und internationaler Zusammenarbeit sowie ein mehrtägiger Aufenthalt auf den Betrieben ihrer deutschen Partner.

Der Austausch wurde im Rahmen der Deutsch-Brasilianischen Initiative für Zusammenarbeit in Agribusiness und Innovation des Lateinamerika-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft (LADW) ins Leben gerufen und von Bayer als Hauptsponsor unterstützt. Die AHA begleitete den Austausch organisatorisch sowie die Gruppe mit verschiedenen Workshops zur gemeinsamen Reflexion. Bei den zahlreichen Besuchen und Programmpunkten sollte es nämlich nicht allein darum gehen, möglichst viele Eindrücke zu sammeln, sondern auch darum, diese gemeinsam einzuordnen und voneinander zu lernen.

„Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“

Zugegeben, das wohl bekannteste Zitat Saint-Exupérys hat man schon das ein oder andere Mal gehört. Beim Eröffnungsworkshop wurde es der Gruppe dennoch mit auf den Weg gegeben, verbunden mit der Frage, was das „Wesentliche“ eines solchen Austauschs eigentlich ausmacht. Denn sichtbar war zunächst das dichte Programm aus Besuchen, Workshops und den Aufenthalten auf den Partnerbetrieben. Doch mindestens genauso wichtig war das, was sich weniger einfach in ein Programm schreiben lässt: Gespräche im Bus und beim Abendessen, Diskussionen zwischen den Teilnehmenden, neue Kontakte und die Möglichkeit, die eigene Perspektive durch die Augen des Gegenübers zu betrachten. Gerade dort, wo diese Perspektiven zunächst weit auseinanderlagen, wurde der Austausch besonders interessant.

Was bedeutet eigentlich nachhaltige Landwirtschaft?

Immer wieder diskutierte die Gruppe über die unterschiedlichen Rahmenbedingungen für Landwirtschaft in Deutschland und Brasilien. Besonders die Vielzahl an Regelungen und Vorschriften in Deutschland sorgte bei einigen brasilianischen Teilnehmenden für Verwunderung und teilweise auch für Kritik. Schränken zu viele Vorgaben Innovation und die Entwicklung landwirtschaftlicher Betriebe nicht eher ein? Wenngleich diese Kritik auch bei einigen deutschen Teilnehmenden auf offene Ohren stieß, brachten andere eine weitere Perspektive ein: Viele der heutigen Regelungen seien auch eine Konsequenz aus Erfahrungen der Vergangenheit, etwa mit Belastungen von Böden und Umwelt, und dienten dazu, natürliche Ressourcen und unser Umfeld langfristig zu schützen. In den Gesprächen wurde deutlich, dass es dabei nicht unbedingt um richtig oder falsch geht, sondern zum Teil auch unterschiedliche Verständnisse von Nachhaltigkeit aufeinandertreffen. Was bedeutet nachhaltige Landwirtschaft? Und wie werden wirtschaftliche, gesellschaftliche und ökologische Bedingungen gegeneinander abgewogen? Welche Rolle spielen Produktivität, unternehmerische Freiheit oder Ressourcenschutz? Der Austausch lieferte darauf keine allgemeingültige Antwort. Aber genau darin lag sein Wert: Die Teilnehmenden konnten besser nachvollziehen, warum ihr Gegenüber bestimmte Dinge anders bewertet. Aus unterschiedlichen Positionen entstand so nicht unbedingt Einigkeit, aber mehr gegenseitiges Verständnis. Ein brasilianischer Teilnehmer fasste es im Anschluss so zusammen: „More than bringing specific solutions, the programme gave me new perspectives, ideas and connections that I can apply to our reality in Brazil.“

Brazilian frontier mentality meets German precision

Dass es nicht darum geht, das eine Modell gegen das andere auszuspielen, wurde auch bei einem Gespräch mit der GIZ in Bonn deutlich. Ein Gedanke aus dem Austausch blieb dabei besonders hängen: Was wäre, wenn man die unterschiedlichen Stärken beider Seiten zusammenbringt? Auf der einen Seite die brasilianische „frontier mentality“ mit Mut, Pragmatismus und der Bereitschaft, neue Wege zu gehen. Auf der anderen Seite deutsche Genauigkeit, Planung und Struktur. Nicht entweder oder, sondern die Frage, was entstehen kann, wenn unterschiedliche Denkweisen aufeinandertreffen und voneinander lernen.

Der deutsche Teilnehmer Leon griff diesen Gedanken bei seiner Abschlussrede in Berlin noch einmal auf. Für ihn war er zu einer der Botschaften geworden, die er aus den gemeinsamen Tagen mitnahm: Wir müssen nicht gleich denken, um gemeinsam etwas Neues zu schaffen. Und Alexandre? Das Handbuch kannte er tatsächlich schon vor seiner Reise nach Deutschland. Einige Monate zuvor war er im Rahmen seines Stipendienprogramms nach Simbabwe gereist. Dort lernte er einen Kollegen kennen, der ihn über Theo de Jager, einen der Co-Autoren, auf das Handbuch aufmerksam machte. So stieß Alexandre auf das Buch und somit auch auf die AHA. Nur wenige Monate später war er selbst Teil des Austauschs. Eine kleine Geschichte, die verdeutlicht, worum es bei diesem Austausch eigentlich ging, um Begegnungen, aus denen neue Verbindungen entstehen. Wohin diese einen dann einmal führen, bleibt allerdings, um es mit Saint-Exupérys Worten zu sagen, oft für die Augen unsichtbar.

Wo die Reise als Nächstes hinführt, steht aber schon mal fest. Im Frühjahr 2027 sehen sich die Teilnehmenden beim Gegenbesuch in Brasilien wieder.

Der Autor

Baidy Wane

Programm Manager international

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